Bitcoin – ist die Luft raus?
Ein bekannter Tech-Influencer hat sich nach längerer Pause mit einem interessanten Video zurückgemeldet: Er habe seine gesamten Bitcoin-Bestände verkauft und dabei erhebliche Verluste hingenommen. Wir fassen seine Argumente zusammen und ordnen ein, was davon zu halten ist.
Das Geständnis: Verkauft am Tiefpunkt
Der Ausgangspunkt des Videos ist ungewöhnlich offen. Der Autor TechLead schildert, dass er über Monate verschwunden war – und zwar aus Scham. Bitcoin sei von rund 120.000 US-Dollar im Oktober auf die niedrigen 60.000er im Sommer gefallen – ein Rückgang von etwa 50 Prozent.
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Mehr InformationenEntscheidend war dabei nicht nur der Kursverfall selbst, sondern die Hebelwirkung (Leverage). Wer auf Kredit investiert, gerät bei fallenden Kursen schnell in die Nähe der Liquidation. Vor diese Wahl gestellt – verkaufen und überleben oder an den eigenen Idealen festhalten und ausgelöscht werden – entschied er sich fürs Verkaufen.
„Kurzfristig recht zu haben zählt nichts. Langfristig recht zu haben zählt alles.“
Diese Selbstreflexion ist sympathisch, sollte aber nicht über das Kernproblem hinwegtäuschen: Die geschilderten Verluste sind in erster Linie eine Folge von Überhebelung, nicht zwangsläufig ein Urteil über Bitcoin als Anlageklasse. Wer mehr über die Risiken von gehebeltem Trading erfahren möchte, findet bei der BaFin entsprechende Verbraucherhinweise.
Die zentrale These: Aufmerksamkeit ist Liquidität
Das stärkste Argument des Videos lautet: In einer Aufmerksamkeitsökonomie handelt man nicht Fundamentaldaten, sondern Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit ist Liquidität. Der Preis hänge nicht davon ab, wie viele Menschen kaufen und halten, sondern davon, ob morgen ein neuer Käufer auftaucht, der bereit ist, mehr zu zahlen: der sogenannte marginale Käufer.
Als Beleg dienen NFTs: Trotz „Diamond Hands“ und kaum Verkäufern seien die meisten heute praktisch wertlos. Halten allein rette niemanden – nur der nächste Käufer tue das.
Warum Bitcoin laut Video anfälliger sei als Gold oder Aktien
Der Vergleich, der das deutlich machen soll:
| Anlageklasse | Quelle neuer Aufmerksamkeit |
|---|---|
| Gold | 5.000 Jahre Geschichte, Kultur und Tradition – braucht keine neue Aufmerksamkeit |
| Aktien | Marketing, neue Produkte, Quartalszahlen, Launches – Aufmerksamkeit wird laufend produziert |
| Bitcoin | Keine Gewinne, keine Rendite, keine Pressemitteilungen – ist auf das Reden darüber angewiesen |
Das ist ein interessanter rhetorischer Rahmen, aber er ist nicht neu: Im Kern ist es die alte Greater-Fool-Theorie, verpackt in moderne Begriffe. Kritisch anzumerken ist außerdem, dass Bitcoin-Befürworter genau hier widersprechen würden: Knappheit, Dezentralität und Zensurresistenz seien sehr wohl Fundamentaldaten – unabhängig davon, wie viel gerade über das Thema gesprochen wird.
Wo ist die Aufmerksamkeit hin? KI und „Wrench Attacks“
Zwei Entwicklungen sollen erklären, warum der Nachschub an neuen Käufern versiege.
Die Krypto-Influencer sind verstummt
Laut Video sind viele lautstarke Krypto-Stimmen verschwunden – nicht unbedingt aus Glaubensverlust, sondern aus Angst vor „Wrench Attacks“: physischen Überfällen auf Personen, die ihre Gewinne öffentlich zeigen. Es ist von 72 solcher Angriffe weltweit im Jahr 2025 die Rede, teils durch Täter, die sich als Paketboten oder falsche Polizisten ausgaben. Das neue Mantra: niemals über den eigenen Bitcoin reden.
Das Phänomen ist real und gut dokumentiert; die Hintergründe dazu lassen sich nachlesen. Ob daraus aber ein kausaler Zusammenhang mit dem Kursverfall folgt, bleibt eine Behauptung – die im Video selbst eingestandene Formulierung „fällt zeitlich zusammen mit“ ist kein Beweis für Ursache und Wirkung.
Alle Aufmerksamkeit liegt bei KI
Der zweite Punkt: Sämtliches Kapital und sämtliche Aufmerksamkeit flössen derzeit in Künstliche Intelligenz. KI-Investitionen explodierten, niemand spare, niemand baue eine Bitcoin-Reserve auf. Wer Cash habe, gebe es sofort für KI aus.
Auch das ist diskutabel: Aufmerksamkeitszyklen wechseln, und genau dieselbe Logik ließe sich umkehren – wenn KI-Begeisterung abklingt, könnte Kapital zurückrotieren. Das Argument wirkt in beide Richtungen.
Die Tür ist eng: Wer muss noch raus?
Ein weiterer Sorgenpunkt ist die Ausstiegsliquidität. Die These: Die Liquidität der Manie von 2021 existiere schlicht nicht mehr, der Pool, in den man heute verkaufen könne, sei deutlich flacher. Gleichzeitig drängten viele große Halter Richtung Ausgang:
- Gläubiger der insolventen Börse Mt. Gox, die nach über einem Jahrzehnt endlich ausgezahlt werden – rund 35.000 Coins
- Eine große börsennotierte Halterin mit rund 850.000 Coins, großteils kreditfinanziert, die leise mit Verkäufen begonnen habe
- Frühe „Whales“, digitale Asset-Treasuries und sogar Staaten, die alle dieselbe Tür im Blick behielten
Das ist nachvollziehbar, aber unvollständig. Auf der Käuferseite stehen seit 2024 die Spot-ETFs, die strukturell neue Nachfrage kanalisieren – ein Faktor, den die Liquiditätssorge im Video weitgehend ausblendet.
Wie dezentral ist Bitcoin wirklich?
Hier verschiebt das Video den Fokus von Marktdynamik auf Governance. Die Kritik in Kürze:
- Die dominante Software Bitcoin Core werde von nur sechs Personen mit Merge-Rechten kontrolliert.
- Mit Version 30 sei eine umstrittene Änderung durchgesetzt worden, die mehr beliebige Metadaten in Transaktionen erlaube – gegen den Willen großer Teile der Community.
- Aus Protest sei die Alternative Bitcoin Knots binnen Monaten auf rund 20 Prozent des Netzwerks gewachsen – gepflegt allerdings im Wesentlichen von einer einzigen Person.
- Schon 2015, in den „Block Size Wars“, hätten Core-nahe Moderatoren Diskussionen im wichtigsten Bitcoin-Subreddit unterdrückt.
„Das also ist euer dezentrales, globales Geld: sechs Personen mit den Schlüsseln zum Code, ein Reddit-Moderator und ein Notfallplan, der an einem einzigen Außenseiter-Entwickler hängt.“
Governance und Konzentration von Einfluss sind reale Debatten. Zur Einordnung lohnt ein Blick in das offene Bitcoin-Core-Repository: Wer Code mergen darf, ist nicht dasselbe wie wer entscheidet, welche Software die Nutzer und Miner tatsächlich ausführen. Das Aufkommen von Bitcoin Knots zeigt gerade, dass die Basis abweichen kann – ein Argument, das sowohl für als auch gegen die These spricht.
Zwei tickende Zeitbomben: Quanten und Miner
Quantencomputing
Langfristig könne ein hinreichend leistungsfähiger Quantencomputer die Kryptografie hinter Bitcoin-Wallets brechen. Der eigentliche Kritikpunkt ist weniger die Technik selbst als die Sorge, dass keine handlungsfähige Entwickler-Koordination existiere, um eine netzwerkweite Migration unter Zeitdruck zu stemmen.
Das Miner-Problem
Miner sichern das Netzwerk und werden auf zwei Wegen bezahlt: durch neu geschürfte Coins und durch Transaktionsgebühren. Das Problem laut Video:
- Rund 95 Prozent aller Bitcoin seien bereits geschürft.
- Eine tragfähige Gebühren-Ökonomie habe sich nie etabliert.
- Wenn die Gebühren versiegen, schalteten Miner ab, die Sicherheit sinke – eine mögliche „Todesspirale“.
Beide Risiken sind ernsthafte technische Diskussionspunkte. Allerdings sind sie kein Geheimnis, sondern werden seit Jahren in der Entwickler-Community erörtert; das „Halving“-Modell und der langsame Übergang zu einer gebührenbasierten Sicherung sind von Anfang an Teil des Designs. Ob daraus zwingend eine Spirale folgt, ist offen – der Autor räumt selbst ein, dass niemand es genau weiß.
Politik und Regulierung
Auch die regulatorische Lage wird skeptisch gesehen. Kein Staat werde dauerhaft ein System dulden, das er nicht kontrollieren könne – ohne KYC, AML, Kapitalverkehrskontrollen oder Sanktionsmöglichkeiten. China habe Bitcoin ohnehin verboten; die aktuell freundliche US-Haltung sei „politisches Theater“, die strategische Reserve eine Show, für die bislang kein einziger neuer Coin gekauft worden sei.
Hinzu komme ein Zeithorizont-Argument: Falls sich das politische Klima ab 2028 drehe, käme der nächste Bullenzyklus womöglich erst 2032 – weitere sechs Jahre Wartezeit. Aktuelle Entwicklungen lassen sich über etablierte Quellen wie Reuters verfolgen.
Und trotzdem bullish? Das Fazit des Autors
Bemerkenswert ist das Ende: Trotz aller Kritik bleibt der Autor nach eigener Aussage langfristig optimistisch. Die Technologie sei real, und Bitcoin werde von jeder Generation neu entdeckt – oft genau dann, wenn alle es für tot erklärten. Mit einem Augenzwinkern bezeichnet er das Video selbst als mögliches „Bottom-Signal“ und sich als Kontraindikator: Man solle einfach das Gegenteil von dem tun, was er tue.
„Ich bin nicht raus. Ich trete nur einen Schritt zurück und beobachte die Tür.“
Einordnung: Was bleibt?
Das Video ist rhetorisch stark und in Teilen ehrlich – besonders dort, wo es eigene Fehler benennt. Sein Wert liegt weniger in einer schlüssigen Prognose als in einer Sammlung berechtigter Fragen. Unsere Einschätzung in Kürze:
| Argument | Wie stark ist es? |
|---|---|
| Verluste durch Überhebelung | Persönliches Risikomanagement, kein Urteil über Bitcoin selbst |
| „Aufmerksamkeit ist Liquidität“ | Eingängig, aber im Kern die alte Greater-Fool-Theorie – schneidet in beide Richtungen |
| Ausstiegsliquidität / Großverkäufer | Real, blendet aber die ETF-Nachfrageseite aus |
| Governance & Zentralisierung | Die ernsthaftesten und am besten begründeten Fragen |
| Quanten & Miner-Ökonomie | Bekannte Langfristrisiken, kein zwingender Kollaps |
Ob „die Luft raus“ ist, lässt sich seriös nicht aus einem einzigen Video beantworten – schon gar nicht von jemandem, der sich selbst zum Kontraindikator erklärt. Wer investiert ist oder es erwägt, sollte die Argumente kennen, sie aber gegen die Gegenposition abwägen und nichts investieren, dessen Verlust nicht verkraftbar wäre.